Muss das alte Gasthaus "Am Waatsack" dem Verkehr weichen?

Stellungnahme des BGV-AK Fachwerk vom März 2009

So sah es einmal aus ...

Der "Waatsack" um 1900
Gewachsener Straßenraum

Ansicht in den 20er Jahren von Süd-Osten.
Der Giebel steht noch frei.

Stellungnahme des BGV

Derzeit berichten Zeitungen über Verkehrsplanungen an der Einmündung Odenthaler Straße in die Hauptstraße. Ein zweispuriger Kreisverkehr ist ernsthaft im Gespräch.

Im Falle einer Realisierung dieser Planung würde es zu einem Abriss zahlreicher Gebäude und des Gasthauses „Am Waatsack" kommen. Dieses stadt- und straßenbildprägende Fachwerkhaus von 1792 steht aber unter Denkmalschutz. Der „Waatsack" ist eines der wenigen historischen Gebäude in typisch bergischer Bauweise (Fachwerk, Schiefer, Krüppelwalmdach), das in der Stadtmitte von Bergisch Gladbach erhalten geblieben ist. Seine erhöhte Lage etwas oberhalb der ehemals sumpfigen und hochwassergeprägten Strundeaue gab ihm möglicherweise seinen Namen. Eine von mehreren Namensherleitungen weist hin auf das mittelhochdeutsche Wort „Wuorde", was ein leicht erhöhtes Grundstück beschreibt; „ack" könnte als Ecke gedeutet werden. „Am Waatsack" hieße demnach „An der erhöhten Ecke". Noch heute trägt der Eichenbalken über dem Eingang die Inschrift:

Ano 1792 D: 9 in AuG Haben die EheLeut Peter Kierdorff unt Maria Christina Lommerzens Dies Haus Gebaut. Gott bewar es Für Allem Übel.

Mit dem Aufschwung der Industrie im Strundetal und des Bürgertums in Bergisch Gladbach wurde der „Waatsack" mit dem später angebauten Viktoriasaal zu einer Anlaufstation namhafter Männer und Vereine. Max Bruch, Ehrenbürger der Stadt, weilte und dirigierte hier, die Schützengesellschaft, der Turnverein und der Altenberger Domverein mit dem Vorstandsmitglied Dr. Johann Wilhelm Zanders hielten Versammlungen ab und feierten im großen Stile.

Obwohl der „Waatsack" manche Verunstaltung am Gebäude selbst, aber auch im Umfeld mitmachen musste, hatte er Glück: er blieb erhalten! Bis jetzt! Nun soll er der Lösung eines Verkehrsproblems weichen; zusammen mit zahlreichen anderen Gebäuden im Umfeld. Dieses einseitig funktionale Denken vergangener Jahrzehnte sollte einer ganzheitlichen Betrachtung weichen.

Der Bergische Geschichtsverein appelliert daher an Planer und Entscheidungsträger, nach Lösungen zu suchen, die städtebaulich und stadtbildpflegerisch verträglich sind. Für den Linksabbiegeverkehr zur Lochermühle müssen alternative Verkehrslösungen, bei denen der „Waatsack" erhalten bleibt, bevorzugt werden. Vorschläge gibt es ja bereits. Ein Abbruch dieses Gebäudes und anderer würde einen zu hohen städtebaulichen Verlust bedeuten, ein weiteres Zeugnis der Stadtgeschichte und der Baukultur ginge verloren. Auch eine Translozierung lehnen wir ab, der Dokumentationswert des Gebäudes würde zu stark beeinträchtigt.

Wir meinen, der gesamte gewachsene Straßenraum um das Gasthaus „Am Waatsack" ist erhaltenswert. Es ist gerade die urbane Kleinräumigkeit im Straßenbild, die diesem Bereich einen gewissen Charme verleiht. Ganz im Gegensatz dazu stehen die offenen, hässlichen Flanken in der westlichen Stadtmitte an der Straße „Gohrsmühle".

Die in den Straßenraum hineingeschobene Lage betont den „Waatsack". Wir schlagen daher vor, den „Waatsack" mit seinem Bergischen Fachwerk und Schiefer zu einem Schmuckstück am Stadtein/-ausgang zu entwickeln, indem verunstaltende Elemente und unpassende Werbung am Gebäude sowie im Umfeld beseitigt werden. Neue Sprossenfenster und grüne Schlagläden würden das Bild erheblich verbessern. Bergisch Gladbach als "Tor zum Bergischen Land" würde an dieser Stelle auch baulich sichtbar werden.

Auch die vier östlich anschließenden Gebäude bis einschließlich Hauptstraße Nr. 281 halten wir aus Gründen der Fassadengestaltung und -gliederung sowie auf Grund eines wohltuenden Maßstabs für erhaltenswert. Wir stellen uns Pflegemaßnahmen an den Fassaden und ein Farbkonzept vor. Die rückwärtigen Grundstücke könnten baulich erweitert werden und mit Innenhöfen und Passagen zur Strunde attraktiviert und belebt werden. Das Viktoria-Kino könnte nach Auslauf des Spielbetriebs der Erweiterung der Gastronomie des „Waatsacks" oder auch Veranstaltungszwecken dienen.

Die Regionale2010 betont die regionale Identität; das Besondere und Unverwechselbare soll herausgestellt werden. Betrachtet man das weitere Umfeld mit dem Stadtpalais Kulturhaus Zanders" und seinem Park, die Gnadenkirche mit dem evangelischen Friedhof, so hat man ein ganzes Ensemble historisch bedeutsamer Bauwerke um den „Waatsack". Das beliebte „Quirl" und der Gemeindesaal, ein neues Kulturzentrum „Alte Feuerwache" sowie die nahe liegende Strunde mit dem geplanten Erlebnispfad bieten eine ausgezeichnete Chance für die Entwicklung eines neuen alten Viertels, in dem der „Waatsack" als Schmuckstück herausragt und deshalb nicht fehlen darf.

Und heute?

Schilderwald am Waatsack/Viktoria-Kino

Tabula rasa

Vor über 30 Jahren sollten an der oberen Hauptstraße ganze Häuserzeilen dem Verkehr weichen.

Eingabe des BGV

Brief an Bürgermeister Klaus Orth vom 25. September 2008