Denkmal des Monats Oktober 2007, Fachwerkhaus Reiser 48

Von Thomas Klostermann

Frühgeschichte

In der preußischen Urkatasterkarte, Gemarkung Bensberg Honschaft (Flur I "Brücher Hof") von 1827 lautet die Gewannenbezeichnung um das heutige Haus Reiser 48 "Im Bröcher Busch", die südlich angrenzende "Im Severins Waeldchen".

Die Namen nehmen Bezug auf die mittelalterliche Siedlungsgründung "Broichen". Dieses Hofgut und der umliegende Raum gehörten mindestens seit 1413 zum Hofverband Hundsiefen, der im Eigentum des Kölner Stifts St. Severin war. Von dort wurde das Gut zu Lehen vergeben. Die Namen geben weiterhin Auskunft über das ursprüngliche Landschaftsbild. Broichen leitet sich aus dem mittelhochdeutschen "bruoch" her mit der Bedeutung Moorboden oder Sumpf. Hier war demzufolge sumpfiges Gelände und Wald.

Mitte des 16. Jahrhunderts war David von Zweiffel zu Wahn Eigentümer von Broichen, 1744 ging das Gut an den Kölner Bürgermeister Melchior Rutger von Kerich.

Die Kölner Patrizierfamilie zum Pütz verkaufte 1779 Broichen an die Geschwister Siegen, auch die "drei Steinbrecher Juffern" genannt, die auch das Saaler Gut im Frankenforst erwarben. Der Pulvermacher Franz Jakob Eyberg zu Kesselsdhünn erbte 1820 das Gut Broichen, das nach seinem Tod 1839 durch Erbschaft in das Eigentum von Bernhard Eyberg überging. Bei der Versteigerung von dessen Nachlass 1846 erwarb Eduard Mumm aus Köln das Hofgut Broichen. Ein Teil des Bröcher Busches war mittlerweile zu Acker- und Wiesenland gerodet..

Der Bauherr

Nach dem Tod Eduard Mumms heiratete die Witwe Julie Mumm geborene Vierkotten 1861 den Hauptmann Adalbert Hugo Mund, der auf diesem Wege in den Besitz von Broichen kam. Geboren 1822 in Berlin als Sohn einer Offiziersfamilie, trat er nach der Absolvierung seiner Studien in den Militärdienst ein.

Von 1850 bis 1855 lehrte er im Kadettenhaus Bensberg "Französisch". Nach Verabschiedung aus dem Militärdienst war Mund Gutsbesitzer von Haus Broichen, wo er 1866 bis zu seinem Ableben 1882 wohnte. Er gehörte während dieser Zeit dem Gemeinderat von Bensberg an, war liberaler Kreistagsabgeordneter (1868-1874) und war eine Zeit lang Verwaltungsrat im Provinzialausschuss. Die Amtsgeschäfte eines Bensberger Bürgermeisters hat er nur kurze Zeit, vom 21. März bis zu seinem Tod am 4. Mai 1882, ausüben können.

Laut Liegenschaftskataster hat Hugo Mund das Fachwerkhaus "Gasthof Alte Post" 1875 an der Schlossstraße in Bensberg gegenüber dem heutigen Emilienbrunnen abtragen lassen und, soweit möglich, unter Verwendung alter Materialien an der Ecke Broicher Straße und Reiser in veränderter Form im Geschmack des späten 19. Jahrhunderts als Wohnhaus wieder aufrichten lassen. Durch seine Ehefrau Julie, geborene Vierkotten, war er in den Besitz der "Alten Post" gekommen, in der damals eine Poststation mit Stallungen und Remisen für die Postwagen eingerichtet war und in der die Posthalterfamilie Vierkotten seit über 60 Jahren neben der Postdienststelle zugleich eine Gastwirtschaft unterhielt. Über viele Jahre war in der "Alten Post" neben dem ersten Bensberger Postamt auch das Bürgermeisteramt untergebracht. 1893 war das Grundstück auf Hugo Mund, Witwe Julie, geb. Vierkotten, Rentnerin zu Köln und sieben Miteigentümer eingetragen.

1918 wurde an die Firma Offermann & Söhne oHG in Bensberg verkauft. Anlass war das Bestreben der Firma, einen Gleisanschluss vom Bensberger Bahnhof unterhalb des Wohnplatzes Kaule bis zur Gerberei und Lederwarenfabrik östlich der Friedrich-Offermann-Straße nahe dem ehemaligen Hof Hundsiefen herzustellen. Zu diesem Zwecke kaufte die Firma alle Grundstücke entlang der geplanten Trasse, um ihre Gleise verlegen zu können. Die Firma benötigte in der Gerberei Eichen- und Fichtenrinde zur Herstellung von Lohe. Im Volksmund erhielt die Bahn deshalb den Namen "Et Luhbähnchen".

Im Zuge der technischen, industriellen Entwicklung hatte die Firma außerdem ein betriebseigenes Kraftwerk mit Dampfmaschine errichtet und benötigte nun Braunkohlenbriketts. Der Transport von der Laderampe am Bahnhof Bensberg am Haus Reiser 48 vorbei den Berg hinauf zur Firma erfolgte mit Loren, gezogen von einer gepanzerten Lokomotive mit Benzolantrieb, die im Weltkrieg Soldaten an der Front transportiert hatte. Erst Anfang der 50er Jahre wurde der Betrieb mit dieser Lok eingestellt.

2005 erwarb die Familie Brinker das Haus von der Familie Offermann. Nach Renovierungsmaßnahmen 2006 am Dachstuhl, dem Austausch einiger Fachwerkbalken und der Sanierung der Fenster, die original erhalten blieben, bewohnen Katrin und Philipp Brinker mit ihren beiden Töchtern das historische Haus.

Gebäudebeschreibung

Das zweigeschossige Fachwerkhaus in Stockwerkbauweise, auf einem Bruchsteinsockel errichtet, ist nur straßenseitig fachwerksichtig, die übrigen drei Seiten sind verschiefert. Die Gefache bestehen aus Backstein mit einer mehrschichtigen Schlämme. Die einfach verglasten Sprossenfenster sind sowohl im Erd- als auch im Oberge-schoss unsymmetrisch, also nicht in einer Achse angeordnet. Auffallend sind die verschieden großen Gefache und die hohen Geschossdecken, alles Hinweise auf die Entstehungszeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ebenfalls zeittypisch sind die Ausfachung mit Backsteinen und der auf eine stark reduzierte Form zurückgeführte Krüppelwalm sowie das in einem Stück um den Giebel herumgeführte Kastengesims. Die genannten Konstruktionsmerkmale wird man bei älteren Fachwerkbauten so nicht finden. Von der historischen Innenausstattung sind Türen und Bodenbeläge erhalten geblieben. Eine Besonderheit, weil unüblich im 19. Jahrhundert, ist die vom Erdgeschoss ins Obergeschoss führende geschwungene Holzspindeltreppe. Die Holztreppe vom Obergeschoss zum Speicher ist älter. Sie ist auf Grund der Wangenprofilierung typisch klassizistisch und dürfte aus der Zeit um 1810 stammen.

Dieser Rückschluss wird unterstützt durch das Profil des Handlaufs, insbesondere aber durch die starke Abnutzung der Trittstufen, die mit einer Speichernutzung nicht erklärbar ist. Dies bestätigt, dass es sich um eine an diese Stelle translozierte Treppe handelt, die in einem Vorgängerbau (Gasthof alte Post) im Erdgeschoss mit häufigem Gebrauch eingebaut war.

Denkmalpflegerische Wertung

Das Gebäude ist für die Ortsgeschichte von Bedeutung. Es erzählt die Geschichte der ehemaligen Poststation Bensberg, des zeitweiligen Bürgermeisteramtes und des Bensberger Politikers Hugo Mund. Im Zuge der Umsetzung wurde das Haus in einer Erscheinung wieder aufgebaut, in der die Bergische Fachwerkbautradition noch einmal fortgeführt wurde. Auf traditionelle und regionale Konstruktionsformen wurde seit der Zuordnung des Bergischen Landes zur Preußischen Rheinprovinz allerdings weitgehend verzichtet. Rationelle Zimmerungstechniken mit einer insgesamt zunehmend zweckorientierten Bauweise, die ärmer an Schmuck und Details war, hatte sich beim Fachwerkbau durchgesetzt. Diese Gestaltung und Konstruktion ist von baugeschichtlicher Bedeutung und mit dem Haus Reiser 48 eindrucksvoll belegt.

Literatur:

A. Schulte, Bergisch Gladbach - Stadtgeschichte in Straßennamen, 1995, S.299ff
N. Stannek, Diktat vor Ort vom 26.7.2007
M. Morsches, unveröffentlichtes Manuskript vom 13.10.2007
H. Eickel, RBK, 1969 S. 85, Die Bürgermeister von Bensberg 1814 bis 1918
G. Hoffmann (LVR), Gutachten vom 15.11.2007
H. Nicke, Fachwerk zwischen Wupper und Sieg, Wiehl 1999, S. 143f
HStAD, Reg. Köln, Kataster B 10569, Art. 125 u. a.

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