Denkmal des Monats Juni 2006, Stellwerk Tannenbergstraße

Von Thomas Klostermann

Die Entwicklung der Eisenbahn in Bergisch Gladbach

In Bergisch Gladbach beschäftigte sich der einflussreiche Papierfabrikant Carl Richard Zanders schon um das Jahr 1860 - die Gemeinde war 4 Jahre zuvor zur Stadt erhoben worden - mit dem anspruchsvollen Projekt einer Eisenbahnstrecke quer durch das Bergische Land von Köln über Gladbach und Wipperfürth nach Soest. Seine Waren mussten bisher mühsam über unbefestigte Landstraßen bis Köln transportiert werden, um von dort aus je nach Zielrichtung verteilt zu werden. Einen ersten Teilerfolg seines Projektes verkündete die "Königliche Eisenbahn-Direction" zu Elberfeld 1868, als die Bergisch-Märkische Eisenbahn den Streckenabschnitt von Mülheim a. Rh. nach Bergisch Gladbach eröffnete. Die Gladbacher wussten die Bedeutung dieses Ereignisses für die Entwicklung von Industrie, Handwerk und Gewerbe zu würdigen. Mit überschäumender Freude feierten sie ein großes Eisenbahnfest. Ihr Bähnchen, das sie schnell und zuverlässig in die Domstadt brachte, nannten sie schon bald liebevoll "Et Jläbbijer Jrietchen".

In der Folge entwickelte sich die Umgebung des Bahnhofs zu einem attraktiven Standort für Industriebetriebe, vor allem der metallverarbeitenden und Maschinenbauindustrie, der Baustoff-, Papier- und keramischen Industrie. Das Gebiet erhielt 1894 einen direkten Straßenanschluss zur heutigen Hauptstraße (damals Gronauer Str.) und es entstand die heutige Tannenbergstraße (damals Gasstraße) mit dem Eisenbahnübergang. 1899 hatte der Fuhrbetrieb so zugenommen, dass die königliche Eisenbahndirektion Gefahren für das "Publikum" sah und die Anbringung von Wegeschranken bei der Stadt beantragte.

Der Weiterbau der Strecke Richtung Osten nach Wipperfürth wurde trotz intensiver Bemühungen nie verwirklicht. Als Gegenargument diente die 1871 ebenfalls konzessionierte Aggertalstrecke. Statt der ideal für Bergisch Gladbach zu nennenden Stecke über Wipperfürth bis nach Westfalen, führte sie 1870 in scharfem Bogen nach Süden in Richtung Bensberg. Der Bahnhof blieb ein Kopfbahnhof, bis 1910 nach langem Streit der Personenbahnhof aus der Stadtmitte heraus nach Gronau verlagert wurde. Das zeitaufwändige Einfahren der Personen-züge in den Kopfbahnhof sollte vermieden werden. In der Folge wurde 1911 das erhaltene Stellwerk an der Tannenbergstraße als eines von dreien im sogenannten Gleisdreieck zur Bedienung des Bahnhofgeländes und eines Teiles der zugehörigen Gleisstrecken in Betrieb genommen. Er befindet sich zwischen zwei Gleissträngen und zwei Schrankenanlagen (Abb. 1).

Beschreibung des Stellwerks und der Stellwerkstechnik

Bei dem Stellwerk mit der Bezeichnung "Stellwerk Gf" (G für Gladbach, f für Fahrdienstleiter) handelt es sich um einen schmalen, im Grundriss längsrechteckigen Bau. Es ist ein im Erdgeschoss verputzter Massivbau, dessen Obergeschoss in Fachwerkbauweise errichtet wurde. Die West-, Süd- und Ostseite sind wie das Walmdach und das Treppenhaus mit laufparallelem Pultdach verschiefert.

Hervorgehoben ist im Erdgeschoss die Sockelzone mit einer ungleichmäßig bis in den Bereich der Fensterlaibungen hineingezogenen Verblendung in bruchrauem Naturstein. Auch für die Stürze der segmentbogigen Öffnungen ist dieser Naturstein verwendet worden. In den Fensteröffnungen des Erdgeschosses sind kleinteilige Metallsprossenfenster erhalten. Die Fenster im aufgehenden Treppenraum und einige im Stellwerksraum sind original und bestehen aus Holz mit Sprosseneinteilung. Sie sind weiß gestrichen und haben kunstvoll verzierte Espagnoletteverschlüsse sowie grüne Farbverglasung zwischen den oberen Sprossen.

Vom Stellwerk aus gesteuert werden noch heute die zweifache Schrankenanlage am Bahnübergang Tannenbergstraße sowie die Weichen und Signale für das nordöstlich anschließende Bahnhofsgelände mit S-Bahnverkehr und dem Werksverkehr für die Papierfabrik Zanders/M-real. Der umfangreichste Teil der Betriebstechnik stammt aus der Bauzeit von 1911, dabei dominiert die im Stellwerksraum in Längsachse angeordnete Hebelbank der Fa. Scheidt & Bachmann (Abb.2). Mittels von Hand betätigter Weichen- und Signalhebel werden Weichen (blaue Hebel) und Signale (rote Hebel) auf dem Bahnhofgelände bedient. Für die Strecke nach Köln-Dellbrück und früher auch nach Bensberg werden in einem Blockschrank Weichenkombinationen durch mechanische Sicherungen ermöglicht oder unzulässige Kombinationen blockiert. Einzelne Funktionen sind später elektrisch umgerüstet worden, die wesentliche Funktion der Weichen- und Signalsteuerung jedoch erfolgt heute noch von Hand mit der seit 1911 fast unverändert in Betrieb befindlichen Technik. Nachträglich installiert wurden Schaltungen für elektrische Signalbeleuchtung, Weichenheizung und Oberleitungen. Die Elektrifizierung der beiden Schrankenanlagen erfolgte 1962 und 1978. Bei Störungen können die Schranken immer noch mit der Handkurbel betätigt werden.

Unterhalb des Stellwerksraumes befindet sich im Erdgeschoss der Spannwerksraum. Die durch die Decke von oben kommenden Drahtseile werden hier über in Reihe angeordnete, gewichtbeschwerte Umlenkrollen (Abb. 3) durch die Nordwestwand zu den Signalen und Weichen geführt.

Abb. 1; Die Hebelbank zur Bedienung von Weichen und Signalen
Foto: Thomas Klostermann, 2006
Abb. 2; Im Spannwerksraum werden viele Drahtseile über Umlenkrollen zu Weichen und Signalen geführt
Foto: Thomas Klostermann, 2006

Beurteilung

Als letztes von ehemals dreien ist das Stellwerk Tannenbergstraße ein bedeutsames Zeugnis einer Zeit, in der die Bevölkerung, das Verkehrswesen, die Infrastruktur sowie die Industriealisierung in Bergisch Gladbach stark expandierten. Im Gutachten des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege heißt es, der Bahnhof Bergisch Gladbach ist heute nur noch durch das Stellwerk von 1911 in historisch bemerkenswerter Weise präsent. Das Stellwerk ist entstanden in einer eisenbahntechnisch äußerst aktiven Bauphase, als die Eisenbahnverhältnisse im rechtsrheinischen Köln mit dem Bau der beiden neuen Rheinbrücken (Süd- und Hohenzollernbrücke), dem Bau des Güter- und Verschiebebahnhofs Kalk und dem Bau der Bahnhöfe Kalk und Mülheim weitgehend neu geordnet wurden. Das Stellwerk in Bergisch Gladbach dokumentiert insofern die Industrie-, Orts-, Regional-, und Eisenbahngeschichte im rechtsrheinischen Bereich von Köln.

Die noch heute in Funktion befindliche Betriebstechnik jener Zeit dokumentiert beeindruckend ein vollständiges Element der Eisenbahntechnik zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Will man Gladbacher Stadtgeschichte und Technikentwicklung im Eisenbahn-wesen erlebbar machen - am Stellwerk lässt sie sich einzigartig veranschaulichen.

Die Architektur ist mit den Bauweisen und Materialien Fachwerk, Schiefer, Naturstein den damaligen Zielsetzungen der Heimatschutzbewegung verbunden. Sie verdeutlicht die Suche nach landschaftlich und regional-städtebaulich verträglichen Formen für die technischen Elemente des Industrie- und Eisenbahnzeitalters. In technischer Hinsicht ist mit dem Stellwerk eines der wenigen noch mechanisch funktionierenden Stellwerksanlagen überliefert. Das Stellwerk Gf ist daher bedeutend für die Geschichte des Menschen und die Geschichte von Bergisch Gladbach. Seiner Erhaltung liegt aus städtebaulichen und wissenschaftlichen, besonders industrie-, eisenbahn-, regional- und ortsgeschichtlichen Gründen im öffentlichen Interesse.

Literatur:
W. Cürten, RBK 1968, S. 41ff;
G. Peterhänsel, Zug um Zug, S. 14, 24ff u.a.;
StABG E 2/503f;
E. Kistemann, Gewerblich-industrielle Kulturlandschaft in Schutz- und Planungskonzepten Bergisch Gladbach. 1820 - 1999, S. 293ff;
N. Stannek, Dokumentation 2006;
G. Franken, Bergische Landeszeitung vom 24.09.2005;
W. Buschmann (LVR), Gutachten v. 15.09.2006.

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